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Titelblatt von Friso Wielenga: Geschichte der Niederlande Friso Wielenga:
Geschichte der Niederlande.
Stuttgart: Reclam, 2012.
ISBN 978-3-15-010893-2
461 S. : Kt.

LandesB.: FH: Ge 875/Nie 13-0704

Auf dem ersten Blick lässt sich der aktuelle Aufstieg des Rechtspopulismus in den Niederlanden seit 2002 schwer mit dem traditionellen Ruf des westlichen Nachbarlandes als friedliche, auf Toleranz und Konsens orientierte Nation vereinbaren. Eine Geschichte der Niederlande mit dem Schwerpunkt auf den politisch-staatlichen Entwicklungen ab dem 16. Jahhundert und deren sozialökonomischen Kontext, die auch die neuesten politischen Entwicklungen aufgreift und einbezieht, war auf dem deutschen Büchermarkt bislang ein Desiderat. Geschickt wird in der Einleitung die Frage, wann die Geschichte eines Landes beginnt, mit ersten Einblicken in die historische Ausgangslage um die Mitte des 16. Jahrhunderts verknüpft. Als Startpunkt wird, nach einem kurzen Vorlauf, das Jahr 1555 gewählt, als Philipp II. Herr der Niederlande wurde, nachdem Karl V. abgedankt hatte. Der Autor distanziert sich vom überlieferten Mythos des darauffolgenden Aufstands der Niederlande als zielgerichteten Kampf um Freiheit und Gerechtigkeit, dennoch gelingt es ihm die unruhige zweite Hälfte des 16. Jahrhunderts als stufenweise verlaufende Entwicklung zu der Republik als 'wirtschaftliche Großmacht im Entstehen' zu präsentieren.

Das Buch gliedert sich in fünf Kapitel, die in etwa ebenso vielen Jahrhunderten entsprechen. Im Kapitel 1 Opposition und Auftstand geht es um die Konsolidierung der Republik der Vereinigten Niederlande (1555-1609). Relativ viel Aufmerksamkeit gibt es für das 17. Jahrhundert im 2. Kapitel Die Republik im Goldenen Zeitalter. Das 18. Jahrhundert zeigt in wirtschaftlicher und politischer Hinsicht ein differenziertes Bild der Stagnation, die 1795 in der endgültigen Entmachtung der alten Republik manifest wird, deren Nachfolgemodelle stufenweise in das Französische Kaiserreich einverleibt werden. (3. Eine Macht zweiten Ranges). Nach der Französischen Zeit bricht das lange 19. Jahrhundert an, in dem die Niederlande sich zu einer parlamentarischen Monarchie mit einer stark versäulten Gesellschaft entwickeln (4. Von der Restauration zum liberalen Jahrhundert ). Im letzten Kapitel Die Niederlande seit 1918 wird die Linie bis in das Jahr 2012 weitergezogen. Der Aufmarsch des Rechtspopulismus und die damit eingetretene politische Instabilität werden einerseits als mögliche Anzeichen für den Anbruch einer neuen Epoche genannt, werden andererseits auch als Unzulänglichkeiten des altbewährten Poldermodells analysiert.

Die Stärke dieser Landesgeschichte liegt in der klaren und lebendigen Darstellung der politischen und ökonomischen Entwicklung. Die Literatur wurde mit gutgewählten Griffen verarbeitet, wobei der Direktor des Zentrums für Niederlande-Studien für die politischen Analysen des 20. Jahrhunderts auf hervorragende eigene Forschungen zurückgreifen kann. Der didaktischen Zugänglichkeit dienen Epochenüberblicke am Anfang jeden Kapitels, und der Autor bemüht sich, durch Zwischenresümees und Rückverweise die großen Linien zu verdeutlichen. Im Laufe der Darstellung und in der Schlußbetrachtung werden populäre Vorstellungen der Niederlande explizit und nüchtern widerlegt (Friedfertigkeit, Toleranz, 'klein, aber tapfer', Dominanz des orthodoxen Calvinismus).

Ein traditionelles Element bildet die Betonung des kulturellen Reichtums des 17. Jahrhunderts. Auch hier ist die Darstellung in ihrer Verknüpfung von strukturellen Faktoren mit konkreten Beispielen klar und übersichtlich, nur lässt Wielenga hier den Muiderkring, den im 19. Jahrhundert erfundenen mythischen Freundeskreis um den Dichter P. C. Hooft, noch einmal aufleben (S. 182). Wichtiger als dieser kleine Lapsus ist die eher buchkonzeptuell geartete Frage, ob es nicht etwas einseitig ist, die Kulturgeschichte der Niederlande vor und nach dem 17. Jahrhundert nahezu komplett auszublenden. Kurz nach der deutschsprachigen Ausgabe ist eine niederländischsprachige Ausgabe erschienen (Geschiedenis van Nederland, Van de Opstand tot heden. Amsterdam: Boom 2012). Die beiden Ausgaben sind nicht ganz identisch: die niederländische Ausgabe zeigt eine großzügigere und leserfreundliche Typographie, und hat die Literaturverweise in Endnoten eingebaut. Angesichts der nur geringen inhaltlichen Unterschiede stellt sich die Frage, ob in der deutschsprachige Ausgabe mit Hinblick auf die Aussenperspektive der Leser nicht etwas mehr vergleichende Bezüge auf die Geschichte Deutschlands hätten eingebaut werden können, z. B. was den Stellenwert des Jahres 1848 oder der 60er Jahre des 20. Jahrhunderts anbelangt.

Diese Randnotizen sollen keineswegs relativieren, dass es Friso Wielenga gelungen ist, eine Lücke auf dem deutschen Büchermarkt überzeugend zu füllen und zugleich die aktuellen polariserenden politischen Ereignisse in eine überzeugende Gesamtanalyse miteinzubeziehen.

Drs. Hans Beelen


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Stand: 11.07.2014

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