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2013 2012


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Buchcover: Barbara Beuys: Leben mit dem Feind.

Barbara Beuys:
Leben mit dem Feind.
Amsterdam unter deutscher Besatzung
Mai 1940 bis Mai 1945.
1. Aufl.
München: Hanser, 2012.
380 S. : Ill.
LandesB.: 12-4703

Das neue Werk der produktiven Sachbuchautorin Barbara Beuys widmet sich dem Schicksal der Stadt Amsterdam unter deutscher Besatzung von Mai 1940 bis Mai 1945. Im Jahre 1941 lebten in den Niederlanden 140.522 Juden, von denen 102.000 die östlichen Vernichtungslager vor Kriegsende nicht überlebten sollten. Leben mit dem Feind handelt größtenteils von der Judenverfolgung in der niederländischen Haupstadt, in der im Jahre 1941 80.000 Juden lebten, mehr als die Hälfte also der Gesamtzahl in den Niederlanden.

Die ersten drei Kapitel bilden einen gelungenen historischen Vorlauf. Anhand des Lebens des Monne de Miranda, Dezernent für Wohnungbau im Rat der Stadt Amsterdam, wird der Aufbruch Amsterdams in die Moderne beleuchtet. Geschickt werden anhand von Straßennamen wie Rembrandtplein Einblicke in das 17. Jahrhundert geboten, als jüdische Neuankömmlinge in Amsterdam ihre Religion frei ausüben durften. Barbara Beuys: Leben mit dem Feind.

Die eigentliche Besatzungsgeschichte der Stadt, beginnend mit dem Angriff am 10. Mai 1940, wird eindringlich beschrieben, wobei viele Absätze schlichtweg mit einem Datum anfangen. Die geplante Salamitaktik der sich schrittweise verschärfenden Ausgrenzungs- und Deportierungsmaßnahmen kann durch dieses sich mosaikartig entfaltende Geflecht aus Fakten und Anekdoten vom Leser gut nachempfunden werden. Auch hier wird die Geschichte anhand von biographischen Darstellungen von Personen wie Loe de Jong, Heintje Davids, Anne Frank und Hendrik Jan Smeding konkretisiert und personifiziert.

Barbara Beuys: Leben mit dem Feind.

Einen erzählerischen Kontrapunkt bilden die immer wiederkehrenden Beschreibungen des blühenden Unterhaltungslebens, in dem auch jüdische Schauspieler, Sänger und Musiker noch lange Anteil hatten. Die Bevölkerung der Stadt hatte im harten Alltagskampf Bedürfnis nach Zerstreuung durch Kino, Kabarett, Tanz und Musik. Bei den Verhaftungen und Razzien schaute sie Beuys zufolge eher passiv weg, und ausserdem "lag die fabriksmäßige Tötung von Menschen, - lange nachdem sie Wirklichkeit war -, außerhalb ihrer Vorstellungskraft." (S. 208, eine ähnliche Sicht auf die Unsicherheit und Unwissenheit der Zeitgenossen über das Schicksal der Juden findet man in der nicht von Beuys genannten Studie von Bart van der Boom: 'Wij weten niets van hun lot', Gewone Nederlanders en de Holocaust, 2012). Entsprechend lange dauerte es, bevor sich Widerstandsnetzwerke bildeten, dessen Heldinnen und Helden mehrheitlich ein tragisches Schicksal erlitten.

Barbara Beuys: Leben mit dem Feind.

Mit einer expliziten Bewertung der Geschehnisse hält die Erzählerin sich zurück. Die Frage, wie es dazu kommen konnte, dass in den Niederlanden eine im europäischen Vergleich besonders hohe Prozentzahl der jüdischen Bevölkerung deportiert wurde, wird nicht beantwortet. Ebensowenig wird die Rolle des Jüdischen Rats, in dem die Juden selbst die Deportierungslisten zusammenstellen mussten, in Frage gestellt. In Interviews mit niederländischen Tageszeitungen anlässlich des Erscheinens der Übersetzung Leven met de vijand hat Beuys zur Begründung ihrer analytischen Zurückhaltung auf mangelnde Einigkeit unter niederländischen Historikern sowie auf die eigene sensible Position als deutsche Historikerin hingewiesen.

Barbara Beuys: Leben mit dem Feind.

Nicht verarbeitet wurde die Studie Jodenvervolging in Nederland, Frankrijk en België. Overeenkomsten, verschillen en oorzaken von Pim Griffioen und Ron Zeller (2010). Griffioen und Zeller weisen als wichtigste Ursache für die hohe niederländische Deportationszahl auf die fast unbegrenzte Macht hin, über die der deutsche Polizeiapparat in den Niederlanden zur Organisation von Deportationen verfügte. Dass der Widerstand in den Niederlanden später als in Frankreich und Belgien aufkam, hat mit den besonders günstigen wirtschaftlichen Umständen in den ersten zwei Besatzungsjahren und der vergleichsweise späten Einführung der Zwangsarbeit zu tun. Außerdem war die jüdische Bevölkerung in den Niederlanden besser integriert als in Frankreich und Belgien. Dadurch hielt sie länger an vom Jüdischen Rat gebotenen legalen Ausweichmöglichkeiten fest, die sich letztendlich ebenso als Teil des perfiden Deportationssystems herausstellten.

Barbara Beuys' Leben mit dem Feind bietet eine reiche und bewegende Lektüre. Das von Beuys eher implizit tradierte Bild einer machtlos-passiven Bevölkerung kann allerdings anhand von Griffioen und Zeller ergänzt und präzisiert werden.

Drs. Hans Beelen


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Stand: 10.12.2013

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