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Oldenburgische Bibliotheksgesellschaft
"Buch des Monats"

Philip Ball
Curiosity. How Science Became Interested in Everything.
London: The Bodley Head
, 2012.

LandesB: 12-3077

Fotografie eines Fliegenauges


Curiosity lautet der Name des NASA-Roboters, der zurzeit den Planeten Mars erkundet. Das CERN, das Europäische Zentrum für Kernforschung in Genf und das weltgrößte Forschungszentrum für Teilchenphysik (3.200 Mitarbeiter, Jahresbudget ca. 850 Millionen Euro), verortet sich selbst in "a tradition of human curiosity as old as mankind itself". Curiosity, auf deutsch Neugier, wird heutzutage in allen Wissenschaftsbereichen als selbstverständliche Triebfeder für Forschung vorausgesetzt. Wie Philip Ball in seinem wissenschaftsgeschichtlichen Werk Curiosity. How Science Became Interested in Everything darlegt, ist das jedoch nicht immer so gewesen. Es gab eine Zeit, in der Kuriosität als vermessen betrachtet wurde, als für Menschen unangemessenes Verlangen, die von Gott geschaffene Ordnung der Welt zu erkunden.
Den erstaunlichen Aufstieg der Neugier von der Sünde zur Tugend entdeckt Ball in der frühen Neuzeit, als Galileo das heliozentrische Weltbild rehabilitierte, Isaac Newton mit Hilfe seiner Schwerkrafttheorie die Bewegungen der Himmelskörper erklärte und Robert Hooke und Antoni van Leeuwenhoek den Mikrokosmos erkundeten. Im populären Geschichtsbewusstsein ist hier meistens von einer scientific revolution die Rede, die vor allem durch neue Instrumente wie das Mikroskop und das Teleskop sowie durch das plötzliche Aufkommen der Empirie und Logik als wissenschaftliche Methoden bedingt erscheint. Philip Ball hingegen beschreibt überzeugend, dass dieser paradigmatische Wechsel sich sehr viel langsamer vollzogen hat, dass es sich eher um eine kulturelle Änderung handelt und dass die Protonaturwissenschaftler des 16. und 17. Jahrhunderts alten mystischen und alchemistischen Traditionen noch stark verhaftet waren.

 

Fotografie des Hookeschen Mikroskopes

Als wichtige Keimzelle der modernen Naturwissenschaft nennt Ball u. a. neo-platonische Akademien in Italien, die es sich zum Ziel setzten, die geheimnisvolle Ordnung der Welt empirisch zu erforschen. In diesem Netzwerk war etwa Leonardo da Vinci aktiv. Die Akademien stellten ein esoterisches Vorläufermodell für die spätere berühmte Royal Society dar. Auch weist Ball auf die Hofkultur der Renaissance hin. Die adlige Elite verfügte über freie Zeit und Vermögen, und der ideale Fürst sollte sich mühelos, wie ein intellektueller Virtuoso, mit allen Bereichen der Philosophie und Wissenschaft auskennen. Zu diesem neuen Lebensstil passte es, Wunderkammern mit interessanten Objekten anzulegen und Wissenschaftler und Künstler zu engagieren, um diese Sammlungen zu erforschen, zu beschreiben und künstlerisch verantwortet zu präsentieren und darzustellen. Die so geförderte Wissenschaft wurde im Laufe des 17. Jahrhunderts weiter modifiziert. Francis Bacons Entwurf einer experimentellen Wissenschaft machte es erforderlich, auch alltägliche Erscheinungen wie etwa Tauwasser zu erforschen, und machte zugleich den wissenschaftlichen Diskurs zu einem öffentlichen Projekt für das Gemeinwohl. Vor allem in der Royal Society wurde die Wissenschaft zu einer zivilisierten Debatte mit bestimmten Spielregeln und einer Vorliebe für die Wahrnehmung über das Theoretisieren "sozialisiert". Obwohl seine synthetische Sicht nicht ganz neu oder originell ist (vgl. etwa Francis Yates, Rosicrucian Enlightenment (1972)), beschreibt Ball die Geburt der modernen Naturwissenschaften in einer beeindruckenden Breite und mit einer Fülle von interessanten Anekdoten und Beispielen.

Drs. Hans Beelen

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Stand: 06.01.2015

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