Wie viele Minderheitensprachen steht es unter dem starken Einfluss der Amtssprachen. Plattdeutsche Autorinnen und Autoren stehen deshalb vor der Herausforderung, trotz dieser Prägung eine eigenständige Perspektive der Minderheitensprache überzeugend zu vermitteln.
Dr. Wilko Lücht widmet sich der Frage nach den Bedingungen des Schreibens auf Plattdeutsch. Die Sprache, die heute von ca. 2 Millionen Menschen in Norddeutschland gesprochen wird, wurde nach dem Wechsel von der mittelniederdeutschen zur hochdeutschen Schriftsprache seit dem 16. Jahrhundert ganz überwiegend nur als gesprochene Sprache verwendet. Sie hat dementsprechend zunächst keine eigene Schriftkultur ausgebildet. Das bedeutete auch, dass das Schreiben der Regionalsprache nicht in der Schule gelernt werden konnte. Alle Menschen, die etwas auf Plattdeutsch zu Papier bringen wollten, mussten diese Verschriftlichung der Sprache nach eigenem Gutdünken bewerkstelligen - und orientiert an der hochdeutschen Schriftlichkeit und deren literarischen Vorbildern.
Erst ab der Mitte des 19. Jahrhunderts gibt es in größerem Umfang wieder literarische Publikationen auf Plattdeutsch: Hier sind etwa die Namen Klaus Groth und Fritz Reuter zu nennen, die mit ihrem umfangreichen Werk die Möglichkeiten der plattdeutschen Literatur ausgelotet und ihrerseits auch bestimmte Konventionen etabliert haben. Dies führte unter anderem zur Etablierung/Entwicklung von grammatischen und insbesondere orthografischen Regeln, die allerdings immer auch die regionale Varianz des Niederdeutschen berücksichtigen mussten und dies auch heute noch tun: In Dithmarschen wird anders gesprochen als in Mecklenburg, in Ostfriesland anders als im Oldenburger Land. Als weiteres Problem kommt die Spezialisierung des Wortschatzes hinzu: Die traditionell ländliche Lebenswelt der meisten Plattdeutschsprecher*innen hat ein anderes Vokabular geprägt als die Industrialisierung und Technisierung des urbanen Raums, der eher hochdeutschsprachig war und ist. Und nicht zuletzt stand und steht bis heute das Niederdeutsche stark unter dem Einfluss der hochdeutschen Amts- und Mehrheitssprache.
In diesem Spannungsfeld bewegen sich heute alle Autor*innen, die Plattdeutsch schreiben, unabhängig davon, ob es sich um literarische oder um Sachtexte handelt. Der Vortrag gibt einen interessanten Einblick in diese Zusammenhänge und zeigt Möglichkeiten zum produktiven Umgang mit dieser Problematik auf.
Dr. Wilko Lücht, Jahrgang 1982, Promotion in klassischer Philologie, ist seit 2021 Bibliothekar an der Landesbibliothek Oldenburg und dort für den Bereich Regionalliteratur zuständig. Seit 2010 veröffentlicht er in verschiedenen Tageszeitungen Nordwestdeutschlands regelmäßig Beiträge in plattdeutscher Sprache.