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Schlaraffentage: Eine kleine Geschichte zum Motiv des Schlaraffenlandes

Ein Highlight der aktuellen Ausstellung "Kartenschätze aus dem Verlag Homann Nürnberg" vom 25. August bis 28. Oktober 2023 in der Landesbibliothek Oldenburg ist die fantastische Schlaraffenlandkarte von 1694. Parallel zur Ausstellung präsentieren wir hier und auf unserem Instagram-Kanal in regelmäßigen Abständen Beiträge zur Motivgeschichte des Schlaraffenlandes.

Ansprechpartner: Leon Werth, werth[at]lb-oldenburg.de



#Schlaraffentag Nr. 1:
Foto der Schlaraffenlandkarte und des Leporellos von Paula Jordan

© Frauke Proschek und Annika Östreicher


Regelmäßig führt Kurator Michael Recke durch unsere aktuelle Ausstellung "Kartenschätze aus dem Verlag Homann Nürnberg". Bestaunt werden kann unter anderem die fantastische Schlaraffenlandkarte von 1694, die es als Reproduktion an unserer Ausleihtheke gibt. Alle Führungstermine finden Sie hier.

Parallel zur Schlaraffenlandkarte erschien eine "Erklärung der Wunderseltzamen Land-Charten Utopiae" von Johann Andreas Schnebelin. Eine Textausgabe von 2004 ist an der Ausleihtheke zu erwerben oder unter der Signatur 05-1305 auszuleihen.

In den kommenden Wochen begeben wir uns unter #schlaraffentag auf eine kleine Reise von den Ursprüngen des jahrhundertealten literarischen Motivs über seine Verwendung in der Kinderliteratur – wie hier in Paula Jordans Leporello im Verlag Gerhard Stalling (1926) – bis in die moderne Fantastik.

© HAB Wolfenbüttel unter der Lizenz CC BY-SA 4.0, Digitalisate an Beitrag angepasst).

#Schlaraffentag Nr. 2:

Heute geht es um die Ursprünge des Schlaraffenlandmotivs: Es gibt eine Vielzahl an Beispielen für Utopien des Faulseins und Schlemmens. Die Verheißung vom "Land, wo Milch und Honig fließen" (2. Mose 3,8) gibt es schon im Alten Testament. Hier eine kleine Auswahl weiterer Beispiele:

Foto aus 'Des Aristophanes Werke'

Am Ende von Aristophanes’ Komödie "Ekklesiazusen" (392 v. Chr.) wird eine Speise mit dem wohl längsten Namen in der Literaturgeschichte aufgetischt.


Bild: Des Aristophanes Werke. Übers. von Johann Gustav Droysen.
Dritter Teil: Die Wolken. Lysistrate. Die Thesmophoriazusen.
Die Ekklesiazusen. Die Frösche.
Berlin: Veit u. Comp. 1838. LBO-Signatur: Spr X 1 99: 3.



Foto aus 'Tiberius Hemsterhusius u. Ioannis Fredericus 
Reitzius: Lukiani Samosatensis Opera Graece et Latine. Volumen> Quartum.'

Lukian von Samosata (2. Jh. n. Chr.) beschreibt im zweiten Buch seiner "Wahren Geschichten" eine Insel aus Hartkäse in einem Meer aus Milch sowie eine "Insel der Seligen", auf denen Obstbäume mehrfach im Jahr tragen und auf der es neben Wasserquellen auch Honig-, Öl-, Milch- und Weinflüsse gibt: "Wie die Pilze schießen statt des Weizens aus den Spitzen der Ähren schon fertige Brote."


Bild: Tiberius Hemsterhusius u. Ioannis Fredericus Reitzius (Hrsg.):
Lukiani Samosatensis Opera Graece et Latine. Vol. Quartum.
[Zweibrücken]: Biponti ex Typographia Societatis 1790, S. 263.
LBO-Signatur: Spr X 2 640 4



Foto aus 'The Land of Cockaigne'

Nach einer französischen Schwankerzählung im 13. Jahrhundert erscheint im 14. Jahrhundert ein mittelenglischer Text mit dem Namen "The land of Cokaygne" als Teil der "Kildare Poems". Auch hier wird ein Land beschrieben, in dem es Nahrung im Überfluss gibt. Der Name lässt sich etymologisch sowohl auf "Kuchen" als auch auf "Narr" zurückführen.


Bild: Aus: "The Land of Cockaigne".
British Library Manuscript Harley 913, fol 3r. Public Domain.



Foto aus: Il Gabriel Giolito de Ferrari: Decamerone Di M. Giovanni Boccaccio

Schließlich erzählt das berühmte "Decamerone" von Boccaccio (1313–1375) von einem Berg aus geriebenem Parmesankäse, auf dem Makkaroni und Ravioli gemacht werden. "Lubberland", "Luilekkerland" – international erhält das Schlaraffenland im Laufe der Zeit viele Namen.


Bild: Il Gabriel Giolito de Ferrari (Hrsg.):
Decamerone Di M. Giovanni Boccaccio,
[Rialto]: Offizin Ferrari 1546, S. 357. LBO-Signatur: Spr XVI a 19.



Zum Nach- und Weiterlesen:

  • Michael Neuhold: Texte zum Schlaraffenland. (4. August 2023).
  • Dieter Richter: Schlaraffenland. Geschichte einer populären Phantasie. Köln: Eugen Diederichs Verlag 1984. LBO-Signatur: 85-1512
  • Werner Wunderlich: Das Schlaraffenland in der deutschen Sprache und Literatur. Bibliographischer Überblick und Forschungsstand. In: Fabula. Zeitschrift für Erzählforschung 27 (1986), H. 1, S. 54–75. (E-Journal)
#Schlaraffentag Nr. 3:

Foto aus: Sebastian Brants 'Narrenschiff'
Kommen Sie mit aufs Schluraffenschiff! Die wohl älteste deutschsprachige Quelle für das Motiv des Schlaraffenlandes findet sich in Sebastian Brants "Narrenschiff" (1494). Gedruckt wurde das Buch in Basel von Johann Bergmann von Olpe. Es enthält 114 Holzschnitte verschiedener Künstler. Einige werden dem "Meister des Haintz Narr" zugeschrieben. Die meisten Illustrationen stammen aber wohl vom "Meister der Bergmannschen Offizin", der identisch sein könnte mit einem in der LBO wohlbekannten Künstler: Albrecht Dürer (1471-1528).

Das spätmittelalterliche Werk von Sebastian Brant befasst sich satirisch mit menschlichen Lastern und Sünden. Das Narren- bzw. Schluraffenschiff (von mhd. slûr-affe, slûder-affe: "Müßiggänger, Faulenzer") fährt mit 100 Narren an Bord nach "Narragonien".

Für Bibliotheksmenschen sehr interessant: Kapitel 1 handelt "von unnützen Büchern" und liefert ein Beispiel des noch später sehr beliebten Motivs des Büchernarren. Vgl. dazu Alexander Košenina: Der gelehrte Narr. Gelehrtensatire seit der Aufklärung. Göttingen: Wallstein 2003, S. 133–152. LBO-Signatur: 03-1431.

Ein Faksimile der Erstausgabe findet sich im Bestand der Landesbibliothek Oldenburg: Sebastian Brant: Das Narrenschiff. Faksimile der Erstausgabe Basel 1494 mit einem Nachwort von Franz Schultz (Straßburg 1913). Hrsg. von Dieter Wuttke. Baden-Baden: Koerner 1994 (= Saecula Spiritalia 6). LBO-Signatur: 96-2876.

Weitere Infos zu Sebastian Brants "Narrenschiff" auf Narragonien digital

#Schlaraffentag Nr. 4:

Foto: Das Schlauraffenland
"Ein Gegend heißt Schlauraffenland, den faulen Leuten wohlbekannt" beginnt das Gedicht (1530) des Meistersingers Hans Sachs (1494–1576), den zumindest alle Altgermanist:innen unter Ihnen kennen dürften.

Die gebratenen Tauben, von denen bereits in Kapitel 57 von Sebastian Brants "Narrenschiff" die Rede ist, greift Hans Sachs in seinem Knittelvers-Gedicht wieder auf. Er ergänzt dieses Motiv um den drei Meilen dicken "Berg mit Hirsbrei", durch den man sich durchfuttern muss, um ins Schlaraffenland zu gelangen.

Gegensätze prägen hingegen ihre Texte, die sich mit der wirklichen Welt befassen: Während Sebastian Brant in Gedichten und Flugblättern einen konservativen Katholizismus vertritt, ist Hans Sachs glühender Verfechter der Reformationsidee.

Sachs wirkt aus Nürnberg heraus – wie später auch Johann Baptist Homann, dessen hochwertige Karten Sie sich in unserer aktuellen Ausstellung anschauen könnt.

#Schlaraffentag Nr. 5:

Foto: 'Kinder- und Hausmärchen' der Brüder Grimm
Viele von Ihnen werden das Schlaraffenland aus Märchenbüchern oder Märchenfilmen kennen.
1815 erschien "Das Märchen vom Schlauraffenland" im zweiten Teil der "Kinder- und Hausmärchen" der Brüder Grimm. Seit der zweiten Auflage 1819 steht es an Stelle 158 der Sammlung, hier im Bild eine Ausgabe von 1982 (LBO-Signatur: ZS 683: 89).

Doch im Märchen der Brüder Grimm geht es gar nicht so sehr um den paradiesischen Ort voller Speisen und Getränke. Vielmehr berichtet der Ich-Erzähler über seine "Schlauraffenzeit" und tischt den Leser:innen eine Lügengeschichte sondergleichen auf.

Stärker an der Vorlage von Hans Sachs orientiert sich Ludwig Bechstein. In seinem "Deutschen Märchenbuch" (1845 bis 1857) erscheint der Text unter der Nummer 50.

Lust und Genuss sind die höchsten Ziele der Leute im Schlaraffenland, wo die besten Lügengeschichten ausgezeichnet werden.

Unser Bild zeigt eine Auswahl von Bechsteins Märchen in einer Ausgabe der Insel-Bücherei (LBO-Signatur: 22-1127), deren Einband die Schlaraffenland-Motivik aufgreift.

Der Berg aus Hirsebrei wird bei Bechstein zur "berghohe[n] Mauer von Reisbrei". Auch die Brüder Grimm ließen sich dieses Motiv nicht nehmen, verwendeten es aber in ihrem Märchen "Der süße Brei" (KHM 103).

In einem zeitgenössischen Lied von August Heinrich Hoffmann von Fallersleben (Text) und Robert Schumann (Komposition) wird der Weg ins Schlaraffenland durch einen Berg aus Pflaumenmus versperrt.

#Schlaraffentag Nr. 6:

Foto von Hieronymus Bosch: Das Narrenschiff
Foto von Pieter Bruegel: Das Schlaraffenland Ein kleines Suchspiel gefällig?

Das Motiv des Schlaraffenlandes findet sich vermehrt auch in der Bildenden Kunst. Die wohl prominentesten Beispiele stammen von zwei Niederländern:

Seine Interpretation des Narrenschiffs fertigte Hieronymus Bosch (um 1450 bis 1516) im letzten Viertel des 15. Jahrhunderts. Es kann im Pariser Louvre @museedulouvre bestaunt werden.
Das Schlaraffenland-Gemälde von Pieter Bruegel dem Älteren (zw. 1525 u. 1530 bis 1569) entstand um 1567 und befindet sich in der Alten Pinakothek in München @pinakotheken.

Schauen Sie doch einmal selbst, welche Bild-Elemente auf die kulinarischen Vorzüge des Schlaraffenlandes hindeuten.
Eine Auflösung für das Gemälde von Bruegel finden Sie z. B. auf einer Internetseite von ZDF Kultur.

#Schlaraffentag Nr. 7:

Stalling-Bilderbücher
Wir reisen zunächst in der Mitte der 1920er Jahre. Während Harry McClintock aus Ohio in San Francisco über die "Big Rock Candy Mountains" singt, in denen Hühner weichgekochte Eier legen und Zigaretten auf den Bäumen wachsen, erscheint im Oldenburger Stalling-Verlag in der Reihe "Nürnberger Bilderbücher" ein Schlaraffenland-Leporello mit Zeichnungen von Paula Jordan (1896–1986).

Foto von Giuseppe Arcimboldo: Porträt des Kaiser Rudolf II. als Vertumnus (1591)Knapp 45 Jahre später bringt der Stalling-Verlag die deutsche Ausgabe eines weiteren Schlaraffenland-Kinderbuches heraus. Die Zeichnungen für die "Nudelinsel" fertigen die "Barbapapa"-Schöpfer:innen Annette Tison und Talus Taylor.

Und auch sonst findet das Schlaraffenland-Motiv seinen Eingang in die internationale Kinder- und Jugendliteratur. 1952 reist das HÖRZU-Maskottchen "Mecki" in einer Bilderbuchverarbeitung ins Schlaraffenland.

In Michael Endes "Unendlicher Geschichte" (1979) wird die Dame Aiuóla zur "nährenden Mutter" des Protagonisten Bastian, der in ihrem "Änderhaus" wieder zurück auf den richtigen Weg findet, nach dem er sich in Phantásien verloren hat.

Die Dame Aiuóla bittet Bastian von den Früchten zu essen, die aus ihr herauswachsen und erinnert damit auch an das "Porträt des Kaiser Rudolf II. als Vertumnus" (1591) von Giuseppe Arcimboldo im Schloss Skokloster @skoklostersslott (Inv. SKO 11615, Bild 2).

#Schlaraffentag Nr. 8:

Foto vom Buchcover von Walter Moers: Die 13 1/2 Leben des Käpt'n Blaubär
Unser letzter Schlaraffentag widmet sich einem Meister der Fabulierkunst: Walter Moers hat gerade seinen langersehnten neuen Zamonien-Roman "Die Insel der Tausend Leuchttürme" herausgebracht und erst kürzlich feierte der studentische Kurzfilm "Eisspin, der sehr Schreckliche"von Adrian Doll mit Christoph Maria Herbst und Katharina Thalbach Premiere.

Im Zamonien-Erstling "Die 13 1/2 Leben des Käpt'n Blaubär" (1999) strandet der Protagonist auf einer einsamen Insel, die sich bald als "Feinschmeckerinsel" erweist: Ausgefallene Früchte und Honigblumen, Samenkapseln, die Milchflüsse in Trinkschokolade verwandeln, Kartoffelpflanzen, die sich von selbst in einen Ölteich stürzen, um frittiert zu werden.

Erst später entpuppt sich das paradiesische Schlaraffenland als hinterlistige Falle: Die "Gourmetica Insularis" ist eigentlich eine riesige fleischfressende Pflanze, die den Blaubären gemästet und bewegungsunfähig gemacht hat und nun verspeisen will.
Dass Moers ein Fan kulinarischer Ausschweifungen ist, beweist auch sein "Schrecksenmeister" (2007) – eine Interpretation von Gottfried Kellers Novelle "Spiegel, das Kätzchen" (1856), in das an Hungersnot leidende "Krätzchen" Echo einen folgenschweren Pakt mit der Titelfigur eingeht. Und auch der neue Roman wartet mit einem Restaurant auf, in dem es wahrnehmungsverändernde Delikatessen gibt. Außerdem geht es um Kartographie!

Was wäre ein Buch ohne Karten? In fast allen seiner Romane kartiert Moers die zamonische Region, in der sich die Handlung abspielt und wer sich Schnebelins "Erklärung der Wunderseltzamen Land-Charten Utopiae" mit der dazugehörigen Schlaraffenlandkarte in unserer Ausstellung einmal genauer anschaut, wird darin den für Moers typischen Hang zur Übertreibung und einen ganz ähnlichen Humor wiederfinden.

Literatur über die Welt von Walter Moers finden Sie bei uns in der Landesbibliothek Oldenburg:
Gerrit Lembke (Hrsg.): Walter Moers' Zamonien-Romane. Vermessungen eines fiktionalen Kontinents. Göttingen: V&R Unipress 2011. (LBO: E-Book).
Tanja Rudtke: Kulinarische Lektüren. Vom Essen und Trinken in der Literatur. Bielefeld: Transcript 2014 (LBO: 14-0307).