Mit Gilgi, eine von uns trat die erst 26-jährige ehemalige Stenotypistin und Absolventin einer Schauspielschule Irmgard Keun 1931 an die literarische Öffentlichkeit. Der Roman Das kunstseidene Mädchen wurde 1932 zum Verkaufserfolg. Kurt Tucholsky lobte den „sprühenden Witz“ der jungen Schriftstellerin und feierte in der Weltbühne die „schreibende Frau mit Humor“. Satirisch und gesellschaftskritisch schildern diese frühen Romane das Leben junger Frauen in der Endphase der Weimarer Republik – in einem ganz eigenen Stil: der Rollenprosa. So charakterisiert sich Doris, das „kunstseidene Mädchen“, selbst durch die Art und Weise, wie sie spricht. Heute gilt Irmgard Keun als eine der großen, wichtigen Vertreterinnen der „Neuen Sachlichkeit“.
Der Erfolg in den 30er Jahren währte nur kurz. Als „Asphaltliteratur mit antideutscher Tendenz“ wurden ihre Bücher aus den Bibliotheken verbannt, ihr Aufnahmeantrag in die Reichsschrifttumskammer wurde 1936 endgültig abgelehnt. Von 1936 bis 1940 lebte sie im Exil in Ostende in Belgien, dann in den Niederlanden. Die in diesen Jahren entstandenen Romane erschienen in deutschsprachigen Exilverlagen, so Das Mädchen, mit dem die Kinder nicht verkehren durften (1936) und Nach Mitternacht (1937). Von 1940 bis 1945 lebte Keun mit falschem Pass illegal in Köln. Literarisch konnte sie in den Nachkriegsjahren nicht wieder Fuß fassen. Erst in den späten 70er Jahren wurde sie von einer jungen Generation neu entdeckt, und ihre Werke wurden seitdem immer wieder auch neu aufgelegt.
Auf Einladung der Oldenburgischen Bibliotheksgesellschaft wird die junge Schauspielerin Nora Kelschebach diese Schriftstellerin dem Publikum in einer szenischen Lesung anhand von Auszügen aus den oben genannten Werken nahebringen. Deutlich werden dabei verschiedene Facetten der Keun’schen Protagonistinnen in ihrem Bemühen um Selbstständigkeit; akzentuiert wird dabei die Notwendigkeit, für sich selbst zu sorgen, sich nicht unterkriegen zu lassen, zu überleben. Erlebbar wird gleichzeitig die Gabe einer Schriftstellerin, die deutsche Zeitgeschichte scharf und sensibel zu beobachten und diese dabei höchst unterhaltsam, kritisch und mit sehr viel Ironie und Sarkasmus zu reflektieren. Irmgard Keun ist hier auch als unermüdliche Mahnerin und Warnerin vor extremistischen, insbesondere nationalistischen Strömungen aller Art zu entdecken. Das Publikum darf gespannt sein auf Nora Kelschebachs Interpretation.
Nora Kelschebach, Schauspielerin, Jg. 1997, ist in Oldenburg aufgewachsen. Nach aktiver Mitwirkung in der schulischen Theater-AG und als Kleindarstellerin bei verschiedenen Produktionen des Oldenburger Staatstheaters bereiste sie nach dem Abitur am Neuen Gymnasium verschiedene Länder Südamerikas und engagierte sich dort in mehreren Umweltprojekten. Sie absolvierte ein BA-Studium für Nachhaltiges Management an der TU Berlin und arbeitete aktiv mit an Projekten zu Klimaschutz und demokratischer Teilhabe. An der Berliner Schule für Schauspiel und an der Hochschule der Künste erlernte sie ihren jetzigen Beruf als Schauspielerin. Bühnenerfahrung sammelte sie im Sommertheater in Dresden und am Hans-Otto-Theater in Potsdam. In Berlin konzipierte und realisierte sie für die Theaterkapelle Friedrichshain das Stück „Lizzy und Bernd“ als Beitrag zu weiblichem Empowerment. Derzeit hat sie ein Engagement an der Jungen Landesbühne in Wilhelmshaven.