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Regionalbuch des Monats

Die Landesbibliothek Oldenburg präsentiert in einer Vitrine in der 2. Etage des Lern- und Informationszentrums (LIZ) zehn- bis zwölfmal im Jahr ein interessantes Buch aus der Region Oldenburg, vorwiegend aus ihrem Altbestand.

Wir freuen uns auf Ihren Besuch!

In diesem Monat wird ausgestellt:

Unter der roten Fahne

Blätter aus dem Tagebuche eines Volksschullehrers im Jahre 151 (1943) / mitgeteilt von Hermann Lahrssen. - 1. - 3. Tausend. - Leipzig : Hobbing, 1894. - 233 Seiten ; 8°
LBO: NAT 9 C 242
 

Utopia in Oldenburg

Was man heute „science fiction“ nennt, nannte man früher Utopie – wörtlich „Nicht-Ort“. Der Begriff wurde geprägt vom englischen Philosophen und Politiker Thomas Morus (1478-1535). Macht der Utopist seine Sache gut, erschafft er mit Mitteln der Literatur eine in sich geschlossene Welt, die der unsrigen bald näher, bald entfernter sein kann. Utopisten. 
Ein Vertreter des utopischen Genres aus der Region Oldenburg war der Oldenburger Lehrer Hermann Lahrssen (1826-1894), der in seiner Schrift „Unter der roten Fahne“ von 1894 eine Vorstellung davon entwirft, was geschieht, nachdem „die Socialdemokratie […] gesiegt“ und die „alte mehr als tausendjährige Monarchie […] gestürzt“ worden ist. Formal handelt es sich beim Werk „Unter der roten Fahne“ um eine fiktive Tagebuchsammlung, die um eine Briefkorrespondenz mit einem Gesinnungsgenossen des Ich-Erzählers erweitert wird.
Lahrssen war der Sohn eines Schusters und absolvierte dem Wunsche seines Vaters gemäß eine Ausbildung zum Volksschullehrer. Das zwischenzeitliche Bestreben, sich für das höhere Lehramt zu qualifizieren, gab er zugunsten der Übernahme einer Hauptlehrerstelle an der Stadtmädchenschule Jever 1863 auf. Im Jahre 1879 wurde er wegen Krankheit in den vorzeitigen Ruhestand verabschiedet. Noch während seiner Zeit als Lehrer verfasste er einige Lehrbücher für die Fächer Geographie und Geschichte. Auch nach seiner Pensionierung engagierte er sich in standespolitischen Organisationen. So war er seit 1881 bis zu seinem Tode 1894 Vorsitzender des Oldenburger Lehrervereins. 
Die Veröffentlichung seiner Schrift „Unter der roten Fahne“ fiel in eine Zeit, in der die politische Führungselite des Kaiserreichs einsehen musste, dass ihr Vorhaben, die Sozialdemokratie mit juristischen Mitteln zu bekämpfen, gescheitert war. Die Wahlergebnisse der SPD bei den Reichstagswahlen waren trotz Versammlungs- und Betätigungsverbot kontinuierlich gestiegen. Insofern war die Befürchtung Lahrssens, die Sozialdemokratie könnte eines Tages die bestehende Ordnung zertrümmern, sicherlich nicht unbegründet. Da er eine maßgebliche Rolle im sozialen Gefüge der Residenzstadt Oldenburg spielte, glaubte er, etwas zu verlieren, wenn es denn so weit käme. 
Als Handwerkerssohn war Lahrssen indes mit den Lebensbedingungen der arbeitenden Bevölkerung aus eigener Anschauung vertraut und glaubte beurteilen zu können, dass die Funktionäre der Sozialdemokratie aufgrund ihrer Anlagen nicht imstande seien, die Interessen der arbeitenden Bevölkerung fachkundig zu vertreten. Doch ist „Unter der roten Fahne“ durchweg zu polemisch, als dass damit so etwas wie ein Nachweis dieser Auffassung erbracht worden wäre. Dieser polemisch-ironische Stil lässt sich z.B. an der Verwendung des Zitats „Verbunden werden auch die Schwachen mächtig“ erkennen: Das Zitat ist ein beliebter Slogan der Sozialdemokraten, wird aber von Lahrssen im Zusammenhang mit seinem eigenen Berufsstand verwendet. Die im Amt verbliebene Lehrerschaft unterstützt zunächst die neuen Verhältnisse, aber nicht, weil sie sie billigt, sondern nur um auf den richtigen Moment zu warten, an dem die Verhältnisse wieder rückabgewickelt und die politische Ordnung des Kaiserreichs wiederhergestellt werden kann – so die von Lahrssen gewissermaßen innerhalb der Utopie entwickelte Utopie. 
Gleichwohl verhindert Lahrssens polemisch-ironischer Stil auch die Entwicklung eines plausiblen utopischen Aufbaus. Stattdessen bleibt er standeskonform schulmeisterlich, wenn er z.B. im Vorwort unmissverständlich feststellt, dass das fiktive Tagebuch auch nie geschrieben würde, da die beschriebenen Zustände laut dem Autor alles andere als erstrebenswert seien. Lahrssen verlegt die fiktive Handlung überdies fünfzig Jahre in die Zukunft, und zwar in das Jahr „151“, was dem Jahr 1943 nach dem französischen Revolutionskalender entspricht – auch dies ein Beispiel für den beißenden Spott des Autors. 
Lahrssens Werk erschien zu einem Zeitpunkt, an dem der Umgang der politischen Führung des Kaiserreichs mit der Sozialdemokratie sich vor einem Wendepunkt befand: Die Sozialistengesetze Bismarcks hatten ihr Ziel wie erwähnt nicht erreicht. Die „Sammlungspolitik“, die den Schulterschluss aller staatstragenden Kräfte einschließlich des Gewerbes und der Handwerkerschaft gegen die Sozialdemokratie suchte, steckte noch in den Kinderschuhen. Hermann Lahrssen als jemand, der zu den wenigen gehörte, die die starren Grenzen der kaiserzeitlichen Klassengesellschaft erfolgreich überwinden konnten, hätte einer ihrer vorzüglichen Vertreter werden können, wäre er nicht bereits im Erscheinungsjahre seiner Utopie verstorben. 
Während also die beabsichtigte Blickrichtung von Lahrssens Utopie durch die Zeitläufte bereits rasch nach Erscheinen als überholt angesehen werden muss, bewies der Autor in anderer Hinsicht erstaunliche Treffsicherheit – verschätzte er sich doch bei der Prognose der Einführung des „real existierenden Sozialismus“ zumindest in einem Teil Deutschlands nur um wenige Jahre. 

weiterführende Literatur (Auswahl):

  • Klattenhoff, Klaus: Hermann Lahrssen, in: Biographisches Handbuch zur Geschichte des Landes Oldenburg, Oldenburg 1992, S. 401f.
  • Ritter, Gerhard A.: Die Arbeiterbewegung im Wilhelminischen Reich. Die Sozialdemokratische Partei und die freien Gewerkschaften 1890-1900, Berlin 1959.
  • Vahlenkamp, Werner: 125 Jahre Sozialdemokratie in Oldenburg. Von den Anfängen bis in die Gegenwart. Ein Lesebuch zur Geschichte, Oldenburg 1994.
  • Winkler, Heinrich August: Deutsche Geschichte vom Ende des Alten Reiches bis zum Untergang der Weimarer Republik (Der lange Weg nach Westen, Bd. 1), München 2000, bes. S. 270ff.

Regionalbuch des Monats - Archiv

Stand: 16.02.2026