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Der ‚Ackermann von Böhmen‘ und die Prager Juden um 1400

Prof. Dr. Albrecht Hausmann (Oldenburg) referiert auf Einladung der Oldenburgischen Bibliotheksgesellschaft über eines der bedeutendsten Werke der spätmittelalterlichen Literatur.


Der ‚Ackermann von Böhmen‘ von Johannes von Tepl gilt als eines der bedeutendsten Werke der spätmittelalterlichen Literatur, das seine Leser und Leserinnen immer wieder durch seine zeitlose Thematik, aber auch durch seine existentielle Radikalität faszinieren kann. Der Literatur- und Kulturwissenschaftler Christian Kienig von der Universität Zürich hat diese Faszination mit dem Begriff der „schwierigen Modernität“ zu fassen gesucht. 

Der um 1400 in Böhmen entstandene Prosadialog zwischen dem personifizierten Tod und dem trauernden „Ackermann“, der den allzu frühen Tod seiner geliebten Ehefrau beklagt, wirkt wie ein Unikum, das sich der Einordnung in Gattungen und Traditionen entzieht. Aber das Werk hat einen historischen Ort, und Prof. Dr. Hausmann wird in seinem Vortrag die These vertreten, dass es diesem Ort – nämlich Böhmen und Prag um 1400 – auch seine Besonderheit verdankt: 

Nimmt man diesen Entstehungskontext ernst, dann fügt sich ein Puzzle zusammen, in dem ein „fauler“ König, eine lange Zeit falsch entzifferte mittelalterliche Handschrift, ein Prager Rabbiner und das Taufzeugnis einer jungen Jüdin eine Rolle spielen. Verständlich wird dann auch, warum der Text Jahrzehnte später im ersten Druck (Bamberg: Albrecht Pfister, um 1463) mit einem komplexen Bildprogramm aus fünf Holzschnitten ergänzt werden musste, welches die Spuren seiner Entstehung verwischt. 

Wir freuen uns sehr, dass wir Herrn Prof. Dr. Hausmann, der seit 2010 die Professur für kulturwissenschaftliche Mediävistik am Institut für Germanistik der Carl von Ossietzky Universität innehat, für diesen Vortrag gewinnen konnten. Er wird uns auf anschauliche Weise ein Werk aus dem späten Mittelalter nahebringen und dabei zeigen, wie spannend es sein kann, einen mehr als sechshundert Jahre alten Text mit historischen Indizien zu verknüpfen, sodass er neu verständlich wird.

Prof. Dr. Albrecht Hausmann studierte in München Germanistik und Politische Wissenschaft, wurde mit einer Arbeit zur mittelalterlichen Liebeslyrik promoviert und habilitierte sich an der Katholischen Universität Eichstätt-Ingolstadt. Er war von 2000 bis 2006 Leiter der Forschungsnachwuchsgruppe ‚Stimme – Zeichen – Schrift‘ an der Universität Göttingen und ist seit 2010 Professor für Kulturwissenschaftliche Mediävistik hier in Oldenburg. Seine Arbeitsschwerpunkte liegen in der historischen Narratologie, in der Lyrikforschung und in der Betrachtung der Medialität mittelalterlicher Literatur, und er ist Mitherausgeber der Zeitschrift ‚Beiträge zur mediävistischen Erzählforschung‘. 

Seiten aus: Johannes von Tepl: Ackermann von Böhmen. [Bamberg, Albrecht Pfister, ca 1463]. Bibliothèque nationale de France, département Réserve des livres rares, A-1646 (1). Link zum Digitalisat: gallica.bnf.fr/ark:/12148/bpt6k1517627j/f1.item

Stand: 01.04.2026