Neues aus der LBO
Humanismus, Horologie und Hölderlin
Die Landesbibliothek Oldenburg erhält eine Büchersammlung aus dem Nachlass von Christoph Prignitz
Von Leon Werth
„Die Beständigkeit der Erinnerung“ ist nicht nur der Titel des wohl bekanntesten Gemäldes von Salvador Dalí, sondern fortan auch Appell an die Landesbibliothek Oldenburg, das Erbe des Oldenburger Literaturwissenschaftlers Dr. phil. Christoph Prignitz (1948–2024) zu bewahren: Rund 500 Bände aus dem Nachlass des verstorbenen Studienrates wurden nun in den Bibliotheksbestand übernommen. Erika Prignitz gilt unser herzlicher Dank für die großzügige Schenkung.
Von 1978 bis 2012 war Christoph Prignitz Lehrer für die Fächer Deutsch und Geschichte am Neuen Gymnasium Oldenburg und zeitweise auch Lehrbeauftragter der Universität Oldenburg. Dalís zerfließende Uhren dürften dem leidenschaftlichen Sammler bekannt gewesen sein: Mehrere Publikationen zeugen von Prignitz’ intensiver Auseinandersetzung mit der Literatur- und Kulturgeschichte der Zeitmessung und des Zeitempfindens sowie mit Uhrmachern wie Friedrich Corleis aus Altona und Gerhard Dietrich Wempe aus dem Großherzogtum Oldenburg.
Der in die Landesbibliothek Oldenburg übernommene Teil seiner Büchersammlung umfasst vornehmlich alte Drucke vor 1850 mit humanistischem Schwerpunkt, aber auch einige theologische Schriften. Romane, Gedichtbände und Stücke aus der Zeit von der Aufklärung bis in den Vormärz sind zahlreich und mitunter auch in Erstausgaben vertreten: Neben Teilen von Diderots und d’Alemberts Encyclopédie finden sich u. a. die Briefe über das Mönchswesen von Georg Michael Frank von La Roche sowie Texte von Moses Mendelssohn, Friedrich Nicolai, Johann Caspar Lavater, Joachim Heinrich Campe, Gottfried August Bürger und Aloys Blumauer.
Aus dem englischen Sprachraum sind unter anderem Henry Fielding, Laurence Sterne, Thomas Campbell und Lord Byron zu nennen. Band 1 von Goethes Farbenlehre ist in einer Ausgabe von 1812 erhalten, Jean Pauls Quintus Fixlein in einer Ausgabe von 1801. Auch heute weniger bekannte Schriftsteller – und vor allem Schriftstellerinnen – aus der Zeit und z. T. sogar dem Personenkreis der kanonischen Aufklärer, Klassiker und Romantiker finden sich in Prignitz’ Sammlung: Henriette Ernestine Christiane vom Hagen (1760–1794), Christiane Sophie Ludwig (1764–1815), Germaine de Staël (1766–1817) und Lady Caroline Lamb (1785–1828) sowie Friedrich Laun (1770–1849), Johann Ernst Wagner (1769–1812) und August Hagen (1797–1880).
Daneben sind vereinzelt auch Handschriften sowie eine Reihe von Almanachen und Ausgaben aus Taschenbibliotheken vertreten. Im Laufe der Jahre hat sich Christoph Prignitz also eine kleine Universalbibliothek zusammengestellt. Der wohl wichtigste Forschungsgegenstand des Literaturwissenschaftlers blieb aber Zeit seines Lebens das Werk Friedrich Hölderlins, über das Prignitz 1976 promovierte:
2022 stiftete er der Landesbibliothek Oldenburg eine rare und signierte Originalradierung des jüdischen Künstlers Arno Nadel (1978–1943), die das Porträt Hölderlins zeigt. Zuletzt befasste sich Prignitz mit Ausgaben aus der Groschenbibliothek von Carl Joseph Meyer, zu der er 2024 eine Schrift im Selbstverlag herausgab.
Davon, dass er der Landesbibliothek sehr verbunden war, zeugt nicht zuletzt auch ein NWZ-Artikel unseres ehemaligen stellvertretenden Bibliotheksleiters Rudolf Fietz aus dem Jahr 2001 über eine Diderot-Ausstellung in der Landesbibliothek, der noch zwischen den Seiten seiner eigenen Diderot-Ausgabe klemmt – schon leicht vergilbt im Lauf der Zeit, für den sich Christoph Prignitz so begeistern konnte.