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Jochen Schimmang: Christian Morgenstern. Eine Biografie

Im Rahmen der Ausstellung „Mein Morgenstern“ liest der Schriftsteller auf Einladung der Oldenburgischen Bibliotheksgesellschaft aus seiner Morgenstern-Biografie.

So kommt es denn, daß es uns gar nicht mehr wundert, in Morgensterns Nachlaß …  Kantsche Sätze in Gedichtform zu finden; dergleichen verdaut man heute, erzogen durch Palmströms Galgenlieder, mühelos 

(Kurt Tucholsky 1919)

Wir alle meinen Christian Morgenstern zu kennen – den Autor der berühmten Galgenlieder, des Gingganz, den Erfinder von Palmström, von Korf und Palma Kunkel. Manche seiner Gedichte sind zum literarischen Gemeingut geworden: Wer würde heute der Feststellung widersprechen, dass Möwen alle so aussähen, „als ob sie Emma hießen“? Und wer hat nicht schon vom Werwolf gehört, der „tränenblind“ erkennen muss, dass „Wer“ sich nicht beugen lässt? Wer hat noch nie über den tieferen Sinn von Fisches Nachtgesang nachgedacht? Und wer erinnert sich nicht an den „messerscharf[en]“ Schluss aus Die unmögliche Tatsache, dass „nicht sein kann, was nicht sein darf“?

Es ist eine durchaus subversive Poesie, die Morgenstern da geschrieben hat, eine Lyrik, die in der Rezeption nicht selten verkannt und als bloßer ‚Nonsens‘ missverstanden wurde; den radikalen Modernismus, die konsequente Sprachkritik, die über einen scharfsinnigen Sprachwitz hinausgeht, erkennt man oft erst auf den zweiten Blick. Diese Lyrik hat einen großen Einfluss auf nachfolgende Generationen gehabt: Die experimentelle Literatur, Dada und die Nonsense-Poesie à la Schwitters, die Konkrete Poesie ab den 60er Jahren eines Ernst Jandl und auch die Gedichte eines Robert Gernhardt knüpfen daran an, und schon Ringelnatz, Mühsam oder Valentin sind in diesem Zusammenhang zu nennen.

Übrigens ist dies nicht das ganze Werk: Morgenstern hat auch ‚ernste‘ Lyrik geschrieben, die kaum bekannt ist und über deren ‚Wert‘ man durchaus auch kritisch urteilen kann. So sehr dieser Autor auch mit einem Teil seines Werks zum ‚Klassiker‘ geworden ist – über sein Leben wissen wohl nur wenige Genaueres. 

Alt ist er nicht geworden: Geboren wurde er im Jahr 1871, dem Jahr der Gründung des Deutschen Reiches, gestorben ist er 1914, nur wenige Monate vor Beginn des Ersten Weltkriegs und damit dem Anfang vom Ende des Deutschen Kaiserreichs: ein Künstlerleben im Wilhelminischen Reich also. Er war keineswegs nur Lyriker, er war auch ein geachteter Übersetzer des Werks von Ibsen, er war Lektor bei Cassirer – und ein ruheloser, vielleicht auch einsamer Mensch, der in seinen letzten Jahren ein gläubiger Anhänger der anthroposophischen Lehre und geradezu ein ‚Jünger‘ Rudolf Steiners wurde. Wie passt das alles zusammen?

Nachdem in der Ausstellung zum 111. Todestag von Christian Morgenstern unter dem Titel „Mein Morgenstern“ aktuell in der Landesbibliothek 44 Druckgrafiken von jungen Nachwuchsdesignern ausgestellt und im gebundenen Buch gezeigt werden, freut sich die Oldenburgische Bibliotheksgesellschaft ganz besonders, dass sie Jochen Schimmang für eine Lesung aus seiner Biografie über Christian Morgenstern gewinnen konnte, die, 2013 erschienen, nichts von ihrer Aktualität verloren hat.

Jochen Schimmang, Jg. 1948, Schriftsteller, Hörspielautor und Übersetzer, unterrichtete nach dem Studium der Politikwissenschaften und Philosophie in Berlin einige Jahre Deutsch als Fremdsprache. Er ist Autor zahlreicher Romane und Erzählungen und Essays: Der erste Roman Der schöne Vogel Phönix von 1979 erschien 2013 als Neuausgabe mit einem Vorwort von Helmut Lethen; in diesem Jahr kam auch die Morgenstern-Biografie im Residenz-Verlag heraus. Aktuelle Veröffentlichungen sind Abschied von den Diskursteilnehmern (2024) und Die Versehrten springen nicht vom Zehner. Erzählungen (2026). Schimmang übersetzt aus dem Englischen und ist Träger zahlreicher literarischer Auszeichnungen: 2010 wurde ihm der Rheingau-Literaturpreis, 2019 der Kempowski-Preis des Landes Niedersachsen und 2021 der Svevo-Preis für sein bisheriges Lebenswerk verliehen.

Jochen Schimmang © Karin Eickenberg

Jochen Schimmang © Karin Eickenberg

Jochen Schimmang: Christian Morgenstern. Eine Biografie. © Residenz Verlag

Jochen Schimmang: Christian Morgenstern. Eine Biografie. © Residenz Verlag

Stand: 20.10.2026