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Eine ‚Wiederverzauberung‘ der Welt. Michael Ende und die Romantik

Prof. Dr. Thomas Boyken (Uni Oldenburg) referiert auf Einladung der Oldenburgischen Bibliotheksgesellschaft über Michael Endes Bezugnahme auf die literarische Romantik.


Michael Endes Bücher gehören seit den 1960er Jahren zu den Bestsellern der jungen Bundesrepublik. Bis heute finden seine Texte große Resonanz, wie die Auflagenstärke und die zahlreichen Adaptionen, von Jim Knopf und Lukas der Lokomotivführer (1960) bis zu Die unendliche Geschichte (1979), belegen.

Seit dem überwältigenden Erfolg der Unendlichen Geschichte inszenierte sich Ende verstärkt auch als öffentlicher Intellektueller: 1982 diskutierte er mit Erhard Eppler und Hanne Tächl, 1985 mit Joseph Beuys über Phantasie, Kultur und Politik, über zeitgemäße Utopien und die positive Gestaltung der Welt durch Kunstpolitik. Immer wieder bezog sich Ende in solchen und weiteren Gesprächen auf die Romantik. In einem Interview mit Jörg Krichbaum betonte er: „Und ich wär’ ja gar nicht vorhanden z.B. ohne Novalis, ohne Brentano oder Tieck, das sind ja meine geistigen Väter.“ Dezidiert stellte sich der Autor mit solchen Aussagen in eine Traditionslinie mit der Epoche der Romantik; insbesondere Novalis, dessen Hymnen an die Nacht zu seiner Kinderlektüre gehört habe, wurde von ihm als wichtiger Einfluss benannt.

Trotz expliziter Romantikanleihen in seinen Texten bleibt Endes Romantiknachfolge jedoch ambivalent. Dies räumte der Autor selbst ein, wenn er im Gespräch mit Beuys darauf hinwies, dass nach der Moderne kein bruchloser Anschluss an literarische Traditionen mehr möglich sei.

Prof. Thomas Boyken wird in seinem Vortrag diese Bezugnahme auf die Romantik in Endes theoretischen und literarischen Texten problematisieren: Zum einen wird er am Beispiel von Momo und von Die unendliche Geschichte überprüfen, ob und, wenn ja, wie sich die romantischen Bezüge in Endes literarischen Texten niederschlagen. Zum anderen werden auch die theoretischen Schriften in den Blick genommen, in denen Ende teilweise sehr explizit auf einzelne Romantiker Bezug nimmt. Der Referent wird die These verfolgen, dass für Ende die Bezugnahme auf die Romantik einerseits die Möglichkeit bietet, die Empirisierung und Szientifizierung der Gesellschaft zu kritisieren. Dem herrschenden naturwissenschaftlichen Paradigma stellt Ende die Idee einer ‚Wiederverzauberung der Welt‘ gegenüber. Damit verbunden ist andererseits die Idee der Re-Mythisierung, wie sie auch in Die unendliche Geschichte literarisch konstruiert ist. Dass Endes Poetik damit auch Ähnlichkeiten mit bestimmten anthroposophischen Ansätzen Rudolf Steiners hat, wird abschließend zur Diskussion gestellt.

Prof. Dr. Thomas Boyken ist seit 2023 Professor für Kinder- und Jugendliteratur am Institut für Germanistik der Carl von Ossietzky Universität Oldenburg. Er ist derzeit Direktor des Instituts für Germanistik, Direktor der Oldenburger Forschungsstelle für Kinder- und Jugendliteratur, Mitglied der Niedersächsischen Literaturkommission, Mit-Herausgeber des Jahrbuchs für Kinder- und Jugendliteratur und Mitglied der Deutschen Akademie für Kinder- und Jugendliteratur. Seine Forschungsschwerpunkte liegen in der Kinder- und Jugendliteratur vom 18. bis 21. Jhdt., in der Medientheorie und Narratologie. Er gibt das Michael Ende-Handbuch bei Metzler heraus und leitet das von der DFG geförderte Projekt „Online Kommentar zu Michael Ende Die unendliche Geschichte, das die Grundlage für eine kommentierte Edition dieses Romans unter Berücksichtigung der Nachlassmaterialien legen soll.

Stand: 27.04.2026