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Dr. Matthias Bley: Einbandschätze vor Ort

Dr. Matthias Bley referiert auf Einladung der Oldenburgischen Bibliotheksgesellschaft über „Niederländische Prachteinbände des 18. Jahrhunderts in der Landesbibliothek Oldenburg“.


Die Einbandforschung als Teilgebiet der Buch- und Bibliotheksgeschichte blickt auf eine vergleichsweise lange Geschichte zurück. Sie entstand gewissermaßen als Nebenprodukt der bibliothekarischen Arbeit gegen Ende des 19. Jahrhunderts und widmet sich der Beschreibung und Klassifizierung von Bucheinbänden, ihrer Zuweisung an einzelne Werkstätten oder Binder und der Untersuchung der verwendeten Techniken.

Noch gar nicht seit langer Zeit stehen Werkzeuge zur Verfügung, die eine systematische Untersuchung größerer Bestandssegmente innerhalb vertretbarer Zeiträume ermöglichen. Im deutschsprachigen Raum bietet diese Möglichkeit die seit den frühen 2000er Jahren im Aufbau befindliche Einband-Datenbank (EBDB), deren Ziel es zunächst ist, möglichst flächendeckend die Bucheinbände des 15. und 16. Jahrhunderts und damit ein wichtiges und hochinteressantes Bucherbe seit der Renaissance zu erfassen. Für die Niederlande existiert mit Jan Storm van Leeuwens vierbändigem Monumentalwerk Dutch Decorateted Bookbinding in the Eighteenth Century seit 2006 ein ähnlich mächtiges Werkzeug – wenn auch lediglich in analoger Form.

Aus niederländischer Sicht ist das 18. Jahrhundert besonders wichtig: Die Herstellung luxuriöser Bucheinbände erreichte – über die politischen und wirtschaftlichen Zentren Amsterdam und Den Haag hinaus – in dieser Zeit auch kleinere Städte in der Fläche. Es entstanden eine Vielzahl von Werkstätten; diese waren oft nur für einen kleinen Kreis besonders vermögender Sammler tätig, sodass der individuell gestaltete Einband in vielen Fällen direkt auf den zeitgenössischen Auftraggeber deutet.

Aus der besonderen Entstehungsgeschichte der Landesbibliothek Oldenburg, deren Gründungsbestand die Sammlung Georg Friedrich Brandes’ (1719-1791) darstellt, ergibt sich hier für die Forschung ein glücklicher Umstand: Brandes entfaltete seine Sammelaktivität just in dieser Zeit und hatte dabei neben dem französischen und englischen speziell auch den niederländischen Buchmarkt nahezu durchgängig im Blick. So finden sich in diesem Gründungsbestand der LBO zahlreiche Prachteinbände, die während des 18. Jahrhunderts in niederländischen Werkstätten entstanden sind. In Verbindung mit den umfangreich überlieferten Auktionskatalogen aus Brandes’ Bibliothek wird es dadurch möglich, die verantwortlichen Buchbinder zu ermitteln, Erwerbungszusammenhänge zu rekonstruieren und auf diesem Weg auch konkrete Vorbesitzer zu identifizieren.

Dr. Matthias Bley wird in seinem Vortrag zunächst die Ergebnisse seiner geradezu kriminalistisch anmutenden Forschungsarbeit anhand der Maroquin-Einbände der Aldinen-Sammlung darstellen, deren Gesamtbestand in der LBO erst vor Kurzem präsentiert wurde. Inzwischen allerdings hat er seinen Blick auf den Gründungsbestand der LBO insgesamt gerichtet und damit auch auf die Pergament- und Ledereinbände. Der Vortrag unseres Referenten umfasst also nicht nur ein abgeschlossenes Projekt, sondern erlaubt den Blick in eine laufende provenienzgeschichtliche Forschung.

Dr. Matthias Bley, Jg. 1980, seit 2023 Bibliotheksoberrat an der Landesbibliothek Oldenburg, studierte die Fächer Geschichte, Germanistik und Komparatistik an der Ruhr-Universität Bochum, arbeitete als Wissenschaftlicher Assistent an der Professur für Mittelalterliche Geschichte der Uni Heidelberg und wurde 2016 in diesem Fach promoviert. Nach der Ausbildung zum Wissenschaftlichen Bibliothekar begann er 2017 als Wissenschaftlicher Mitarbeiter an der Landesbibliothek Oldenburg mit den Tätigkeitsschwerpunkten Handschriftenerschließung, Digitalisierung und Bestandserhaltung. Seit 2020 leitet er die Abteilung Historische Sammlungen, landesbibliothekarische Aufgaben und digitale Bibliothek.

Stand: 01.04.2026